Welche Lernkultur braucht die Schweizer Armee?

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Mir gefällt die Definition der Lernkultur von Josh Bersin sehr gut:

«Lernkultur ist eine Kultur, die ein offenes Mindset, die unabhängige Suche und geteiltes Wissen […] mit der Mission und den Zielen einer Organisation verbindet.»

Letztlich ist die Armee nicht zum Selbstzweck da, sie erfüllt vielmehr immer anspruchsvollere Aufgaben an Geräten und Waffen zugunsten unserer Bevölkerung. Die Vorbereitungszeit ist knapp, sie reduziert sich für die Einsatzverbände auf die jährlichen Wiederholungskurse, und diese Zeit muss deshalb möglichst gut genutzt werden. Diese Vorbereitungen finden grundsätzlich in Einsatzübungen und -trainings statt.

Wir haben alle schon erlebt, wie nach einer Übung eine «Übungsbesprechung» stattfand. Dabei sprach der höchste Vorgesetzte zur versammelten Mannschaft und zum Kader; meist endete diese Besprechung mit einer Beurteilung der Übung als «erfüllt» sowie einigen grundsätzlichen «Verbesserungspunkten». Nicht selten wusste jede Soldatin und jeder Soldat umfassender und präziser, was wirklich schiefgelaufen war. Diese Oberflächlichkeit nahm den Übungen dann die Sinnhaftigkeit und wirkte negativ auf die Motivation der Beübten.

Was steht uns also im Weg, das Wissen aller Beteiligten systematisch einzubeziehen? Was hindert uns daran, handlungsorientierte Konsequenzen abzuleiten, so gezielt Lücken zu schliessen und das Training zu wiederholen?

Organisationen, die grosse Erfahrung mit Einsätzen haben, machen es vor. Die Luftwaffe wertet die Trainingsflüge der Piloten mit einer Fremd- und Eigenbeurteilung aus. Weiter führt beispielsweise das Kommando Spezialkräfte nach jeder Übung ein Debriefing mit allen Beteiligten durch. Und auch die Feuerwehr lernt mit ähnlichen Rahmenbedingungen wie die Armee systematisch aus Übungen: Um der Aufgaben- und Materialvielfalt trotz immer knapperer Ausbildungszeit gerecht zu werden, wurde der Regelkreis EBAT entwickelt (Einsatz/Einsatzübung – Bilanz – Ausbildung (zur Schliessung der Lücken) – Test (Überprüfung in einer Einsatzübung)).

Dabei ist zu bedenken, dass dies nur funktioniert, wenn die Bilanz schonungslos ehrlich und unter Einbezug aller Beteiligten und über alle Stufen hinweg erfolgt. Unsere Lernkultur soll dabei ermöglichen, dass insbesondere auch Vorgesetzte Fehler eingestehen können.

Mögliche Instrumente, diese Kultur zu fördern, sind gezielte «After Action Reviews», wo im Beisein aller Teilnehmenden für jede Phase der Einsatzübung folgende Fragen gestellt und beantwortet werden:

  • Was hätte geschehen/erreicht werden sollen?
  • Was ist tatsächlich geschehen/was wurde erreicht?
  • Was waren die Ursachen für die Abweichung zwischen Soll und Ist?
  • Mit welchen handlungsorientierten Massnahmen, insbesondere Ausbildung und Training, können Verbesserungen erreicht werden? Wo hätte jemand anderes unterstützen können? Welche Prozesse und Abläufe müssen verbessert und wieder eingeübt werden?

Mit der Beantwortung dieser Fragen, erarbeitet mithilfe der Übungsleitung oder eines Moderators, werden nicht Schuldige gesucht, sondern sachlich Verbesserungsmassnahmen und deren Planung auf allen Stufen erarbeitet. Ursachen und Massnahmen sind allen Beteiligten bekannt, und jeder kann von jedem lernen. So geht nach und nach die Verbesserung in unsere Kultur über.

«In crisis, leaders make hundreds of decisions. The cumulation of these decisions causes the outcome. Good leaders don’t make hundreds of right decisions – they fail often – but they learn and repeat the cycle until they make the right decision.»

Stan McCrystal

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4 Antworten

  1. Sehr geehrter Herr Korpskommandant Süssli

    Mit grosser Begeisterung habe ich Ihren Blog gelesen. Sie finden treffende Worte zur benötigten Lernkultur und runden diese noch dazu mit den weisen Worten General McCrystals ab. Kein Kritiker bestehender Armeeprozesse hätte bessere Vorschläge zur Optimierung machen können, wie Sie sie aufführen.

    Bedauerlicherweise werden Ihre Vorstellungen innerhalb der Armee noch immer zu selten gelebt. Wie sonst kann es sein, dass auf Medienkonferenzen von Bund und BAG, aber auch von der Armee, über einen möglichen zweiten Corona-Einsatz bzw. eine zweite Mobilmachung gesprochen wird, die davon betroffenen AdAs und deren Arbeitgeber aber ausser einem Aufruf, sich freiwillig zu melden, nicht informiert wurden? Bei der ersten Mobilmachung hat es mehrere Wochen gedauert, bis die Armee die Arbeitgeber der Eingezogenen orientiert hat. Ich hatte gehofft, hier hätte ein Lernprozess stattgefunden. Auch wenn die Armee natürlich nicht voraussagen kann, wer wann und wo eingesetzt wird, so haben die öffentlichen Aussagen der letzten Tage unterstrichen, dass die Armee Szenarien und Optionen aufgestellt hat. Diese in groben Zügen den Betroffenen und deren Arbeitgebern mitzuteilen würde für eine gewisse Sicherheit, für Verständnis und für Motivation sorgen. In meiner zivilen Kaderposition wie auch als Wachtmeister eines Spitalbataillons weiss ich, wie fundamental wichtig selbst grobe Informationen für die Motivation der Unterstellten ist. Dies hat die Schweizer Armee unter 4.1.1 in ihrer Militärethik vom 1. September 2010 selbst festgehalten. Ich bin enttäuscht, dass nicht danach gehandelt wird. Mit dem oft propagierten Respekt und Dank für die mobilgemachten Truppen hat das Nichts zu tun.

    Leider habe ich keine andere Möglichkeit, mein Unverständnis über die bis jetzt unterlassenen Informationen zum Ausdruck zu bringen, wie dies auf Ihrem Blog zu kommentieren. Denn bedauerlicherweise weicht das Personelle der Armee meiner Frage nach Informationen aus und ignoriert sie. Stattdessen erfährt man die Informationen, die offenbar vorhanden gewesen wären, aus den Medien. Es erinnert an die Situation vom Frühjahr, als die Medien gewisse Informationen publizierten, bevor diese den Dienstweg hinab zur Truppe gelangten. Bitte verhindern Sie, dass diese Fehler aus dem Frühjahr wiederholt werden.

    In grösster Hochachtung

    1. Sehr geehrter Herr Hruby

      Besten Dank für Ihr Feedback. Die Information unserer Armeeangehörigen ist mir wichtig und so haben wir bereits vor dem Entscheid des Bundesrates vom 04.11.2020 sowohl die Arbeitgeberverbände als auch auf Social Media unsere Armeeangehörigen informiert. Verbindlich informieren konnten wir aber natürlich erst nach dem Bundesratsbeschluss für den Assistenzdienst und der Bewilligung der ersten Gesuche letzten Freitag. Vorher hätten wir gar nichts über die zu erbringenden Leistungen sagen können.

      Ich nehme Ihr Feedback gerne so entgegen und wir werden zusammen mit unseren Kommunikationsspezialisten überlegen, wie wir in Zukunft und bei neuen Aufgeboten besser informieren können. Insbesondere muss die Truppe im Dienst immer vor den Medien informiert werden, da gebe ich Ihnen recht.

      Freundliche Grüsse, Thomas Süssli

  2. Sehr geehrter Herr Corkommandant Süssli.
    Danke für Ihre Ausführungen.
    Ich bin einer Alter Soldat, Jg 1953. Aber gerade zur Ausbildung habe ich doch noch einiges zu Sagen.
    Wir haben stundenlang Daumenbasisverbände geübt. Unsere Ausrüstung war völlig veraltet, jeder der hinsehen konnt war entsetzt.
    Wenn ich von jungen Soldaten höre, wie die RS gestaltet ist, so tönt das oft ähnlich.
    Bitte kümmern Sie sich darum. In der Ausbildung braucht es die Besten, gute Pädagogen und es braucht dringend frischen Wind. Wenn Rekruten herumsitzen, so passiert auch mental ein Desaster.
    Ich beurteile die politische Situation heute als sehr gefährlich, Russland, China und jetzt letztlich auch Amerika sind nicht mehr transparent und berechenbar. Wenn in den USA eine praktisch 40%-ige Mehrheit für Trump wählt, der sich klar as Antidemokrat outet und seine Waffennarren freies Spiel erlaubt. Das ist sehr gefährlich. Für mich ist auch ganz klar, dass wir nur im Verband mit Europa noch eine Chance haben werden.

    1. Sehr geehrter Herr Meili

      Danke für Ihr ehrliches Feedback. Ich bin mit Ihnen einig, dass die militärische Ausbildung unsere Soldatinnen und Soldaten auf Einsätze vorbereiten muss. Das braucht anspruchsvolles und realitätsnahes Training, basierend auf modernen pädagogischen Grundlagen. Wir werden in den nächsten Monaten mit einer neuen Ausbildungskonzeption beginnen, die unsere Armeeangehörigen auf die Bedrohungen von 2030 und später vorbereitet.

      Die Welt ist in der Tat volatiler, unsicherer, komplexer und vieldeutiger geworden. Damit kann jederzeit alles passieren. Die Schweizer Armee ist die letzte Sicherheitsreserve der Schweiz und muss bereit sein für vielfältige Herausforderungen.

      Freundliche Grüsse, Thomas Süssli

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Willkommen auf meinem Blog. Lesen Sie hier meine Meinung zu Themen, die mir wichtig sind.

Ich stehe ein für eine Schweizer Milizarmee, die offen ist für alle. Wir sind Bürgerinnen und Bürger in Uniform.

Ich stehe ein für eine Schweizer Landesverteidigung, die ehrlich ist. Wir sind selbstkritisch und entwickeln uns stetig weiter. Die Armee ist kein Selbstzweck.

Ich stehe ein für eine Schweizer Armee, in der im Sinne der Auftragstaktik geführt wird, basierend auf gemeinsamen Werten.

Wir drängen uns nicht auf, aber wenn es uns braucht, sind wir bereit. Dafür trainieren wir jeden Tag.

Viel Spass beim Lesen!

Thomas Süssli

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